Worum ging es denjenigen,
die dem Brexit zustimmten?

SapereAudeBlog

Das Referendum über den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union vom 23.06.2016 wird noch viel diskutiert. Schon im Vorfeld und natürlich auch gleich im Anschluss an den knappen Sieg der Leave-Kampagne (Leave zu Deutsch: Verlassen) wurden viele Behauptungen über die Konzequenzen eines Ausstieges aufgestellt. Doch warum ging es eigentlich und was passiert, wenn die Regierung dem unverbindlichen Referendum tatsächlich Folge leistet?

Worum ging es denjenigen, die dem Brexit zustimmten?

Das Referendum über den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union vom 23.06.2016 wird noch viel diskutiert. Schon im Vorfeld und natürlich auch gleich im Anschluss an den knappen Sieg der Leave-Kampagne (Leave zu Deutsch: Verlassen) wurden viele Behauptungen über die Konsequenzen eines Ausstiegs aufgestellt. Doch worum ging es eigentlich und was passiert, wenn die Regierung dem unverbindlichen Referendum tatsächlich Folge leistet?

Zunächst einmal sei klargestellt: Britannien kehrt NICHT Europa den Rücken. London ist und bleibt eine europäische Stadt, genauso wie Oslo, Sankt Petersburg, Sarajevo, Belgrad, Bern, Reykjavik, Königsberg, Kiew und Minsk. Diese Städte befinden sich nicht auf anderen Kontinenten oder geben ihre Eigenschaft in Europa zu sein dadurch auf, sich nicht der EU anzuschließen. Auch das Vereinigte Königreich verlässt den Kontinent nicht, sondern lediglich eine Institution, beziehungsweise das Referendum verlangt diesen Schritt. Nur weil es wieder mehr Ausweiskontrollen und andere zwischenstaatliche Regularien geben wird, heißt dies nicht, dass wir nun 65 Millionen Europäer weniger haben. Die Begriffe Europa und Europäische Union nicht zu trennen bedeutet, sich auf die Kampfsprache, das „Wording,“ gewisser Kreise einzulassen.

Was neben Sätzen wie „Europe will miss you“ (dt.: „Europa wird Euch vermissen“), also rein emotionalen und aufgrund einer falschen Gleichsetzung von EU und Europa basierenden Aussagen, ebenfalls häufig vorgebracht wird, sind ökonomische Erwägungen. Man konnte bereits während der Abstimmung und nach Verkündung der ersten vorläufigen Ergebnisse dem Pfund beim freien Fall zusehen. Dass eine daraus eventuell resultierende wirtschaftliche Not für die Insulaner eine selbsterfüllende Prophezeiung ist, sieht man daran, dass ja noch gar nichts geschehen ist. Bisher hat das Wahlvolk lediglich abgestimmt. Dies hat nicht zwangsläufig praktische Konsequenzen (denn es war nicht verbindlich) und außerdem wird jetzt schon nach einem weiteren Referendum verlangt. Zu argumentieren, man hätte doch lieber Remain (dt.: Verbleiben) stimmen sollen, da sonst die Spekulanten und Märkte „verunsichert“ werden (die Absurdität dieser Aussagen zu erkennen sei dem Leser eigenständig zugetraut) und folglich die Wirtschaft einbreche. Die Übersetzung ins einfache Deutsche: Man stimme gefälligst so ab, wie wirtschaftliche Interessen es gebieten, sonst wird das Land durch die Inhaber jener Interessen in eine Not gestürzt. Wer so argumentiert, also nun dem Volke vorwirft, es habe die „falsche“ Entscheidung getroffen, da ja die Märkte nun „aufgeschreckt“ seien und dies verheerende Folgen haben könnte, kann auch gleich jegliche Form von Referendum ablehnen, da er meint, die richtige Entscheidung sei anhand des Verhaltens von Investoren auszumachen. Was weitere wirtschaftliche Konsequenzen angeht, sei der Leser auf die hoffnungslose Lage anderer Ländereien hingewiesen, die nah der Europäischen Union in Europa vor sich hinvegetieren und nichts auf die Reihe bekommen. Zu nennen wären hier vor allem die im Elende lebenden Menschen Norwegens und der Schweiz. Beides Länder, die nicht in der EU aber dennoch in Europa und deswegen wirtschaftliche Schlusslichter nicht nur auf dem Kontinent sondern in der gesamten Welt sind.

Aber es ging eben nicht um die Wirtschaft. Oder nicht nur. Denn für viele wird der Ausbruch aus dem Dschungel der bürokratischen Regularien der EU ein wichtiger Faktor gewesen sein. Ein weiterer wichtiger Faktor sei, die EU habe in Europa (wichtig: EUROPA, nicht nur in der EU) für langanhaltenden Frieden gesorgt. Vor allem auf dem Balkan, im Kosovo und in der Ukraine. Oder meint man mit Europa hier eigentlich wieder nur die EU? Befinden sich Island und Norwegen deswegen dauerhaft im Krieg? Finden sich darum alle nordamerikanischen Staaten seit Jahrzehnten dauerhaft in Kampfhandlungen gegeneinander wieder, weil ihnen eine nordamerikanische Union fehlt? Aber genug der sarkastischen Kommentare. Eine viel ernstere Überlegung ist diese: wer Deutscher ist, solle einmal nach Portugal oder Griechenland gehen und sich dort mit den Menschen unterhalten. Das Thema könnte zum Beispiel das Verhältnis der Landesvölker zu den Deutschen sein. Denn auch dieses ist ein Verdienst der EU und der daraus resultierenden Politik. Wem die Reise zu aufwendig ist, der kann ja gerne einmal eine Suchmaschine bemühen, denn auch diese bringt dahingehend vielerlei Erkenntnisse.

Da nun eine Menge darüber geschrieben steht, was für blödsinnige Argumentationsansätze und Behauptungen teils in den deutschen Medien zum Brexit gebracht werden, kommen wir nun endlich dazu, was denn eigentlich der Grund für viele gewesen ist, Leave zu stimmen. Die Antwort ist ganz einfach: Nationale Souveränität. Die Selbstbestimmung der Geschicke des Landes durch das eigene Volk und die eigenen Verantwortlichen in der Regierung. Die Möglichkeit, selbstständig die Migration, den Arbeitsmarkt, die Zölle, die Kulturpolitik und vieles weitere unabhängig von Bürokraten in Brüssel regulieren zu können. Um es mit ein wenig mehr Pathos zu sagen: Freiheit. Nicht dass dies den Briten dadurch alleine vergönnt wäre, sie sind immerhin noch Mitglieder in der NATO, den Vereinten Nationen und anderen Vertragswerken, sowie ein in unserem Wirtschaftssystem gefangenes Volk, doch ein tatsächlicher Austritt (der, das kann nicht oft genug betont werden, noch nicht beschlossene Sache ist) wäre ein Schritt hin zur wirklichen Selbstbestimmung.

Wenn Sie, werter Leser, also mit irgendjemandem über den Brexit reden sollten, oder sich Beiträge in Zeitung, Fernsehen oder sonst wo zu Gemüte führen, seien Sie sich bitte bewusst: Die Union ist nicht Europa und der Grund für das Votum zum Leave war vor allem, dass sich der einfache Brite dadurch mehr nationale Selbstbestimmung erhofft hat. Wer dies nicht beachtet und darüber redet, das Vereinigte Königreich kehre Europa den Rücken zu oder habe eine ökonomisch unkluge Entscheidung getroffen, mag ja je nach eigenem Argumentationsansatz durchaus in der einen oder anderen Weise richtig liegen, das heißt aber noch lange nicht, dass derjenige, der für Leave gestimmt hat, mit seinen auf anderer Ebene stattfindenden Erwägungen deswegen falsch liegt.


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